Folge 002

 

ANZIEHUNGSKRAFT – dein Leben maßgeschneidert

 

KANN ES EIN ECHTES LEBEN IM FALSCHEN GEBEN?

Freitag, der 22. Mai 2020

 

Kann es ein echtes Leben im Falschen geben?

 

Ich sage „JA“, das gibt es! Wir alle, Du, ich, eine jede und ein jeder von uns, wir alle leben tagtäglich ein echtes Leben im Falschen. Mal mehr, mal weniger.

 

Jetzt frägst Du vielleicht: Was ist ein echtes Leben? Was ist ein falsches Leben?

 

Doch wahrscheinlich hast Du bereits intuitiv ein mehr oder weniger deutliches Bild, worum es sich dabei handeln könnte.

 

Ein echtes Leben: gestaltet und geführt nach Deinen individuellen Wünschen, Träumen, Potentialen, Vorstellungen, Erkenntnissen und Werten.

 

Ein echtes Leben, das ist wie ein für Dich maßgeschneidertes Kleid. Ein für Dich maßgeschneidertes Lebenskleid …

 

Wir alle tragen Kleider aus gewebten und gewirkten Stoffen. Um unsere Nacktheit zu bedecken und um uns vor Wind und Wetter zu schützen, doch auch um uns darin zu zeigen und zu wirken. Dass wir uns kleiden, ist seit Jahrtausenden mit unserer Menschwerdung und unserer Geschichte verbunden. Vom ledernen Bändchen um die nackte Taille in der Altsteinzeit, über den Lederschurz und das Fell bis heute zu unserer Alltags- und Businesskleidung. Kein Kleidungsstück, keine Silhouette und kein Material, kein Stoff und keine Verarbeitungsart sind dabei aus Zufall entstanden.

 

Doch wir tragen auch Kleider aus ganz anderen Stoffen. Wir tragen Lebenskleider – aus den Stoffen, die das Leben webt und wirkt.

 

 

Stell` Dich vor den Spiegel

 

Wenn Du den Kleiderschrank Deines Lebens öffnest: Welche Lebenskleider hängen da? Welche Persönlichkeits- und Lebensmodelle? Für welche Rolle trägst Du welches Modell? In welchem Stil und in welcher Silhouette sind sie gestaltet? Und aus welchem Stoff, in welchen Farben und Mustern?

 

Gibt es Lebensrollen, in denen Du Standardware von der Stange trägst? Lebensmodelle, die von vielen gelebt und getragen werden, und die Du auch für Dich für gut und passend befunden hast.

 

Oder trägst Du in der einen und anderen Rolle eher Second Hand? Ein Lebensmodell, von einem anderen Menschen bereits getragen und vorgelebt und von Dir übernommen. Entworfen aus dessen oder deren Lebensvorstellungen, Erwartungen, Wünschen, Werten und Lebenszielen. Hast Du die beiden Modellvarianten für Dich schon einmal in Typgerechtigkeit, Passform und Tragekomfort hinterfragt?

 

Vielleicht macht es Sinn, es jetzt einmal zu tun. Denn dann fällt Dir vielleicht auf, dass diese Lebenskleider Dir noch nie so richtig gepasst haben. Vielleicht waren sie Dir schon immer zu klein. Oder sie sind zu klein geworden, weil Du herausgewachsen bist. Vielleicht waren oder sind sie für Dich zu groß. Und Du stolperst immer einmal wieder über sie.

 

Vielleicht bist Du in ihnen vielleicht sogar schon gestürzt. Weil Du der Lebensrolle und den Erwartungen, die damit verbunden sind, nicht mehr gerecht werden konntest. Weil Dir die dadurch gelebten Werte keine Orientierung mehr geben. Weil die damit gesetzten Ziele ihre Anziehungskraft verloren haben. Oder weil das darin umgesetzte Handeln inzwischen seine Wirkung verfehlt. Daran kannst Du erkennen, dass Du falsche, fremde oder ausgediente Lebenskleider trägst.

 

Doch was tun mit dieser Erkenntnis? Diese Lebenskleider einfach ausziehen, ablegen und wechseln? Wie ein Kostüm oder einen Anzug? Das fällt Dir ja vielleicht schon bei Deinen Kleidern aus den textilen Stoffen schwer. Denn mit den Kleidungsstücken ziehst Du ja noch viel mehr aus, als nur das Kleidungsstück selbst. Damit geht alles, was Du Dir damit angezogen hast und – mehr oder weniger bewusst – ja vielleicht auch anziehen wolltest: der Ausdruck Deines Geschlechtes, Schmuck und Luxus, Abgrenzung ebenso wie Zugehörigkeit und Solidarität, Schönheit und Einzigartigkeit, Erotik und Sinnlichkeit, Amt und Würde, Statement und Understatement, Macht und Status.

 

Wenn Du Deine Kleider und auch Lebenskleider ablegst, dann bist Du all das, was Du Dir damit angezogen hast, nicht mehr. Dann bist Du – nackt.

Doch erst dann kannst Du entdecken, dass Du darunter vielleicht doch noch mehr trägst, als nur nackte Haut. Dass da doch noch ein weiteres Lebenskleid ist, in das Du Dich kleidest. In dem Du Dich zeigen und wirken kannst. Doch das auf Dich vielleicht noch ungewohnt und unattraktiv wirkt. Das Du bisher vielleicht noch nicht bemerkt hast, weil es so perfekt passt, weil es für Dich maßgeschneidert ist. Weil es Dein echtes Lebenskleid ist.

 

 

Wir nehmen Maß

 

Wie fühlt sich das für Dich an? Die fremden, falschen ud ausgedienten Lebenskleider erkennen und ablegen. Dich nackt machen, Dich – vermeintlich - nackt zeigen. Dich in einem ungewohnten, für Dein Umfeld wahrscheinlich völlig unbekannten Lebensmodell präsentieren. In einem anderen Stil und einer anderen Silhouette, in einem neuen Stoff, neuen Farben, vielleicht diesmal wild und auffallend gemustert.

 

Das klingt herausfordernd. Ja, das braucht Mut.

 

Doch unumgänglich, wenn Du immer mehr Dein echtes Leben führen möchtest. Dich in Deinem ureigenen Lebenskleid zeigen willst.

 

Welches Bild erscheint in Dir, wenn Du Dir das vorstellst? Welche Gefühle hast Du in Dir? Wahrscheinlich ist das – noch – keine angenehme Vorstellung für Dich? Wahrscheinlich sind das auch noch keine angenehmen Gefühle. Vielleicht meldet sich sogar die Angst in Dir. Doch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bemerkst Du in Dir auch: Freude, Entspannung, Glück, Neugier, Lebenskraft. 

 

Mit den unangenehmen Gefühlen und mit der Angst kannst Du lernen, umzugehen. Dann, wenn Du weißt, dass es sehr darauf ankommt, WIE Du Deine fremden, falschen oder ausgedienten Lebenskleider ablegst.

 

Du kannst es machen wie ich in meinem ersten großen Veränderungsprozess: Ich habe damals fast von einem Tag auf den anderen mein bisheriges berufliches Leben abgelegt und – fast ohne Vorbereitung – etwas ganz anderes, etwas Neues angefangen. Ich habe eine ganze Menge Übernommenes und Ausgedientes damit abgelegt. Ohne groß zu überlegen. Das kann gelingen. Lebensveränderung praktisch von jetzt auf gleich.

 

Das kann jedoch auch scheitern - wie bei mir. Ich habe einen gewaltigen Lebenscrash hingelegt. Und es hat einige Jahre gedauert, bis ich mich davon erholt hatte.

 

 

Das Handwerkszeug

 

Du kannst es allerdings auch ganz anders machen. Du kannst das Ablegen Deiner Lebenskleider umsetzen, wie ich es durch meinen Crash erkennen und lernen durfte. Ich habe damals gelernt, mich in einem Veränderungsprozess von den Inspirationen aus der Natur führen zu lassen. Für mich wurde das Beobachten der Natur in ihren Veränderungsprozessen zu meinem Handwerkzeug. Und das ist immer präsent, immer griffbereit, immer einsatzfreudig, und immer wirkungsvoll.

 

Denn Veränderung und Verwandlung sind ein Naturprinzip. Mehrmals im Jahr wechselt die Natur Ihre Gewänder. In jeder Jahreszeit zeigt sie sich in einem neuen Kleid. In Stil und Silhouette, in Material, Farben und Mustern immer dem äußeren Anlass angemessen und angepasst: Wachstum und Erblühen, Früchte, Ernte und kahle Zweige. Wirkung und Gestaltungskraft – ohne Masken, ohne Verkleidung. Einfach echt …

 

Und dabei entwickelt sie das neue, das nun echte Kleid immer aus dem alten, dem nun falschen Kleid heraus. In der Natur gibt es immer schon das neue und echte Leben im „Falschen“.

 

Wie macht es die Natur genau, wenn ihr Lebenskleid aus der Jahreszeit, aus der Mode gekommen ist? Ein Baum zum Beispiel, legt sein Lebenskleid nicht von heute auf morgen ab. Die Blätter verändern sich zunächst farblich. Sie werden anfangs vielleicht bunter, als wenn sie es noch einmal richtig wissen wollen. Doch dann werden sie blasser und verlieren nach und nach ihr ursprünglich frisches und sattes Aussehen. Gleichzeitig werden sie in ihrer Konsistenz schlaffer und kraftloser. Das ist ein Prozess, der sich seine Zeit nimmt. Bis das Lebenskleid eines Baumes wirklich gehen darf, vergehen Tage, Wochen ...

 

Bei meinen Zimmerpflanzen habe ich ein welkendes Blatt früher schnell als Makel empfunden. Ich habe es mit dem Finger angestupst, am Stiel oder am Zweig gerüttelt oder es sogar abgezupft, weil mir die natürliche Entsorgung durch die Pflanze nicht schnell genug ging. Und ich habe mich anfangs sehr darüber gewundert, wie lange ein welkendes Blatt noch fest am Stiel oder am Zweig sitzt, bevor es abgelegt wird. Erst wenn es wirklich vertrocknet ist, wenn alles Leben aus ihm gewichen ist, kann oder darf es gehen. Und bei den Bäumen draußen in der Natur ist es kein bisserl anders.

 

Warum ist das so? Weil dieser Ablöseprozess, neben dem Entkleiden und Sterben, auch eine Wertschöpfung ist. Weil der Baum in diesem Prozess wirklich alle Potentiale, die noch sinnvoll und verwertbar sind, aus dem Blatt herauslöst, sie zurückführt und neu verwendet. Ist die Aufgabe des bisherigen Lebenskleides erfüllt, nimmt sich der Baum zurück, was er noch brauchen und wiederverwenden kann. In diesem Wertschöpfungsprozess werden die Ressourcen des Ausgedienten und „Falschen“ zu den Nährstoffen für das weitere, das nun echte Leben des Baumes. Sogar im abgefallenen Zustand dient das „Falsche“ immer noch – auf der Erde. Es wird zu Humus. Zur nährstoffreichen Erde für die Samen.

 

Die Natur zum Vorbild nehmen und von ihr lernen. Nach diesem Vorbild ist es nämlich sehr gut möglich, ein Lebenskleid, das sich als fremd, falsch oder ausgedient herausgestellt hat, aufmerksam und achtsam abzulegen. Dabei ist es sinnvoll, dieses verwelkende oder verblühende Lebensmodell nicht einfach abzulegen und zu entsorgen. Es ist sinnvoll genau zu analysieren und auszuwählen, was wann und wie gehen und sterben darf und was bleibt und wirkungsvoll wieder und weiter gelebt wird. Nur anders.

 

 

Das Thema maßgeschneidert

 

Was kann das jetzt für Dich und Deine Veränderung bedeuten? Vielleicht hast Du in Gedanken schon die Türen Deines Lebenskleiderschranks weit geöffnet.

Vielleicht wirfst Du da jetzt einen ersten Blick hinein …

 

Hängen da Lebenskleider von der Stange oder Second Hand? Für welche Rolle trägst Du welches Persönlichkeits- oder Lebensmodell? In welchem Stil und in welcher Silhouette sind sie gestaltet? Aus welchem Stoff, in welchen Farben und Mustern?

 

Wo sind sie Dir zu klein oder zu eng geworden und schränken Deine Lebendigkeit und Beweglichkeit ein? Aus welchem Lebenskleid bist Du schon längst herausgewachsen? In welchem Lebenskleid stolperst Du regelmäßig, weil es für Dich viel zu groß oder unpassend ist?

 

Gibt es überhaupt ein Modell, das wirklich typgerecht für Dich ist? Wo Passform und Tragekomfort stimmen? Oder stimmen zumindest teilweise kleine Details. Doch der Gesamtstil, der Stoff oder das Muster zum Beispiel dürften heute viel frecher und farbenfroher sein.

 

Was darf bleiben, um für ein neues, ein echteres Lebenskleid verwendet zu werden? Was darf bleiben, um sinnvoll und wirkungsvoll in Deine aktuelle Lebensgarderobe integriert zu werden?

 

Da gibt es doch sicher Kenntnisse und Fähigkeiten, die Du für Dich in Deinem bisherigen Leben entwickelt und verfeinert hast. In der einen und anderen Rolle. Vielleicht gibt es Werte und Ziele, die Du für Dich dabei entdeckt hast. Und die Du – neu kombiniert – weiter verwenden kannst.

 

Betrachte Deine bisherigen Lebenskleider genau, dann wähle mit Bedacht aus und entsorge. Oder trenne das eine oder andere Lebenskleid auseinander, um das eine oder andere Teil weiter zu verwenden. Um es einem neuen Anlass, einer neuen Aufgabe oder einer neuen Bestimmung im oder am nunmehr echten Lebenskleid zuzuführen.

 

Die Natur nimmt sich dafür Zeit. Sie braucht dafür Stillstand und Rückzug, um die Auflösung und das Sterben zu leben. Um das Wachsen, die Weiterentwicklung und Entfaltung des Bestehenden zum Neuen zu unterstützen. Und sie macht das regelmäßig, Jahr für Jahr im Lauf der Jahreszeiten und der Vegetationszyklen.

 

Und genau das brauchst auch Du!

 

Auch Du brauchst Stille und Rückzug für Deine Weiterentwicklung und Entfaltung. Für das Herauswachsen Deines echten Lebens aus dem Falschen.

 

Für Dein ureigenes Lebenskleid. Für ein Lebenskleid mit Anziehungskraft.

 

 

Herzlichst und gewandt – geschrieben in die sich wandelnde Zeit

 

Deine Isabella Maria Weiss*

Kann es ein echtes Leben im Falschen geben?
Gewandt_Journal_001_22052020.pdf
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