Das Gewandt*Journal 004

In die Zeit geschrieben                                          Mittwoch, den 25. März 2020 

 

Lebenskleider


Seit Tagen ist in mir ein bewegender, verunsichernder, doch auch vertrauensvoll stimmiger und beflügelnder Cocktail: Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Wahrnehmungen, Wut und Ohnmacht, Enttäuschung und Ernüchterung, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Alles ist gleichzeitig da oder wechselt sich ab. Die Vergangenheit und die Zukunft poppen in der Gegenwart, schaffen Turbulenzen von manchmal tornado-artigem Ausmaß und machen es mir zeitweise sogar wirklich schwer, nachts meinen Schlaf zu finden und tagsüber die Ruhe und den Frieden zu genießen, die sich durch die Beschränkungen über die große Stadt gelegt haben. 


„Sei einfach im Hier und Jetzt!“ mahnt mich eine innere Stimme. Doch können wir wirklich „allein“ im Hier und Jetzt sein? Haben wir in der Wahrnehmung der Gegenwart nicht immer auch unsere Vergangenheit und all das, was wir in dieses Leben mitbringen, sowie unsere Vorstellungen, Projektionen und Erwartungen von und an die Zukunft bei uns? Haben wir nicht immer das Dunkle und Schwere wie auch das Lichte und Leichte in uns? Vereint sich nicht immer alles im Stil, der Silhouette, dem Stoff, den Farben und Mustern unseres aktuellen Lebenskleides? 


Wir alle tragen Kleider aus gewebten und gewirkten Stoffen. Um unsere Nacktheit zu bedecken und um uns zu schützen, um uns darin zu zeigen und zu wirken. Uns zu kleiden ist von Anbeginn mit unserer Geschichte, mit unserem Menschwerden, verbunden. Vom ledernen Bändchen um die nackte Taille in der Altsteinzeit, über den Schurz und das Fell bis zu unserer heutigen Alltags- und Businesskleidung – kein Kleidungsstück, keine Silhouette, kein Material und keine Materialkombination, kein Gewebe oder Gewirk sind aus Zufall entstanden.  


Doch wir tragen auch Kleider aus ganz anderen Stoffen. Lebenskleider - aus den Stoffen, die das Leben webt und (be)wirkt. Wir tragen Persönlichkeits- und Lebensmodelle – entworfen und gestaltet aus Erwartungen, Vorstellungen, Wünschen, Zielen und Werten. Wir kleiden uns dabei – in der Regel – in die allgemeingültige Standardware von der Stange, die wir auch für uns für gut und passend befunden haben und in Second-Hand-Modelle, bereits von anderen getragen und übernommen. Beide Modellvarianten wurden und sind von uns in Typgerechtigkeit und Passform wahrscheinlich nur selten oder überhaupt nicht hinterfragt. 
 

Doch was passiert, wenn diese Lebenskleider nicht mehr passen? Wenn sie uns zu klein werden, weil wir herausgewachsen sind? Wenn wir über sie stolpern und stürzen, weil sie für uns einfach zu groß sind? Wenn wir (Lebens)Rollen und Erwartungen nicht mehr gerecht werden können? Wenn gelebte Werte keine Orientierung mehr geben, gesetzte Ziele ihre Anziehungskraft verlieren und Handeln seine Wirkung verfehlt? Was passiert, wenn wir erkennen, dass wir fremde oder ausgediente Lebenskleider tragen? 

 

Einfach ausziehen, ablegen und wechseln? Wie ein Kostüm oder einen Anzug? Das fällt uns doch häufig genug schon bei unseren Kleidern aus textilen Stoffen schwer. Denn mit den Kleidungsstücken geht auch all das, was wir damit verbinden und ausdrücken wollen. Was wir uns damit anziehen: der Ausdruck unseres Geschlechtes, Schmuck und Luxus, die Abgrenzung ebenso wie die Zugehörigkeit und Solidarität, Schönheit und Einzigartigkeit, Erotik und Sinnlichkeit, Amt und Würde, Statement und Understatement, Macht und Status. 


Kleidung ist Kommunikation. Wenn wir unsere Kleider und Lebenskleider ablegen, sind wir darunter – nackt. Dann sind wir all das, was wir uns mit ihnen angezogen haben - nicht mehr. 


Doch erst dann können wir entdecken, dass darunter vielleicht doch noch mehr ist als nur nackte Haut. Dass da noch etwas ganz anderes ist, was gefühlt und gelebt, was sich zeigen und wirken möchte. Dass wir unter unseren bisherigen Lebenskleidern eben nicht nackt sind. Sondern echt und ehrlich. Wir selbst. 


Jetzt fragen Sie vielleicht: Wie mache ich das?  


Sie können es umsetzen, wie ich es beim ersten Mal gemacht habe. Innerhalb kürzester Zeit das „Übernommene“ ablegen und – fast ohne Vorbereitung - etwas ganz „Anderes und Neues“ anfangen. Das kann gelingen, ja. Das kann auch misslingen - wie bei mir - und zum Crash führen. 


Und Sie können es umsetzen, wie ich es nach meinem Crash für mich erkennen und erlernen durfte, um mich in meinem Leben wieder auf die Füße zu stellen, und um weiter meinen Weg zu mir selbst zu gehen: Kleidungsstück für Kleidungsstück ablegen, eines nach dem anderen. Immer wieder genau prüfen, fühlen und abwägen: Was passt nicht mehr? Was kann und darf davon als erstes gehen? Was kommt darunter von mir zum Vorschein? Wie passt das „Neue“ mit dem „Bisherigen“ zusammen, damit ich weiter stabil mein Leben führen und dennoch den neuen eingeschlagenen Weg weiterverfolgen kann? Mal ist es nur ein Knopf, den Sie aufknöpfen werden, um ein bisserl mehr eigene Haut zu zeigen. Mal ist es die ganze Bluse, das ganze Hemd, das Sie auf einmal ablegen werden. 


Mit dieser Vorgehensweise können Sie ihre natürliche Lebenslebendigkeit und Lebensschönheit nach und nach erspüren und sichtbar machen. Sie können die Gestaltungs- und Wirkungskraft ihrer Werte und Potentiale entdecken, erleben und ihnen Raum zur Entfaltung geben. Und Sie können daraus ihre ureigenen Lebenskleider entwerfen und gestalten. So können Sie sich der Verwandlung hingeben und die Verwandlung leben.  


Denn Wandel ist ein Naturprinzip. Mehrmals im Jahr wechselt die Natur ihr Gewand. In jeder Jahreszeit zeigt sie sich in neuen Kleidern. Wachstum und Erblühen, Früchte, Ernte und kahle Zweige zeigen ihre Wirkung und Gestaltungskraft. Kreation und Verwandlung – nur aus sich selbst heraus. Ohne Masken und Verkleidung. 

 

Wandel prägt auch die Zeit, in der wir leben. Auch wir können uns in neuen, in unseren ureigenen Lebenskleidern zeigen und wirken. Wir brauchen die fremden und ausgedienten Lebenskleider dafür nicht sofort und komplett abzulegen. Wir können sie – nach und nach - mit unserem ureigenen Lebensmaterial kombinieren und sie damit verwandeln. Wir können in sie hineinleben, hineinsprechen und -schreiben - in unsere innere Wahrheit, mit Respekt und Wertschätzung für uns selbst. 


Gerade war Frühlingsanfang. Die Natur entfaltet sich mit Saft und Kraft. Sie weiß genau, welches Kleid sie jetzt zu diesem Anlass trägt. Und aus welchem Material.  
Wie werden unsere neuen Lebenskleider aussehen? Unsere neuen Lebenskollektionen? Und aus welchen Materialien werden sie sein? 


Die Zeit fordert von uns Verwandlung: Wer bin ich? Welche Werte kann und will ich leben? Welche Impulse kann und will ich setzen? Welche Lebenskleider kann und will ich tragen? 

 

Lebenskleider mit Anziehungskraft! 


Inspirierend und strahlend - aus mir selbst heraus. 


 
Aus meinem Herzen gesponnen und gewebt - in die sich wandelnde Zeit 


Isabella Maria Weiss* 

Das Gewandt*Journal 004 - 25. März 2020
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