Das Gewandt*Journal 003

In die Zeit geschrieben                                                                am 21. März 2020

 

Das Wunder der Verwandlung

 

Heute Nacht hat es geschneit. Eine feine weiße Decke hat sich über die Stadt gelegt. Auch über meine Magnolie und ihre Blüten. Die ersten Blütenblätter sind schon auf die Erde gefallen und einige Blattränder haben braune Stellen bekommen. Gestern noch voll erblüht und strahlendweiß bis zartrosa sind die kalte Nacht und der Schnee nicht spurlos an ihr vorübergegangen,

 

Eine feine weiße Decke – aus gefrorenen Tränen?

 

Weil die Natur eigentlich ihre Hochzeitskleider aus dem Schrank holen und zeigen will?  Weil die Natur jetzt Hochzeit feiern will mit dem neuen Vegetationsjahr?

 

Unsere Tränen? Weil wir uns nicht trauen, sie zu weinen und zu zeigen? Weil wir stark und vernünftig sein sollen und in der Ohnmacht und dem Ausgeliefertsein unsere Schwäche und Hilflosigkeit spüren?

 

Meine Tränen? Weil ich mich so auf das Treffen heute mit zwei lieben Menschen gefreut habe, das nicht stattfinden darf? Weil uns Isolation stärken und schützen soll und ein Zeichen von Solidarität bedeutet?

 

Meine Gedanken schweifen zurück in meinem Leben. Bilder begleiten diese Reise in Erlebtes und Wahrgenommenes und stoppen bei dem Augenblick, der mir zum ersten Mal meinen Kosmos des Betrachtens eröffnet hat. Mein erstes bewusstes Wunder der Verwandlung.

 

Es war ein kalter Novembertag. Ich war am wohl tiefsten und dunkelsten Punkt meiner Lebenskrise angelangt. Nichts ging mehr. In meinem Leben war absoluter Stillstand. Doch in meinem Innen war mächtigste Bewegung. Meine Gedanken waren in Aufruhr, mein Herz raste, Schlaf wollte nicht mehr gelingen. In meiner inneren Not hatte ich begonnen zu gehen. Gehen wurde zu meinem Blitzableiter und es gelang mir besser und besser, meine innere Unruhe in äußere Bewegung zu verwandeln - praktisch auf den Weg zu bringen.

 

Plötzlich blieb ich stehen. Ich stand im Englischen Garten zwischen hohen Bäumen. Es hatte begonnen zu schneien und der Schnee blieb auf den kahlen Ästen liegen. Ich sah die Buchen und Linden. Mit ihrem Leben und Da-Sein waren sie der Natur und dem Lauf der Jahreszeiten „ausgeliefert“. Sie standen einfach nur da. Festverwurzelt. Sie konnten nicht weglaufen. Sie standen da und lebten ihr Leben. Die Buche das Leben einer Buche. Die Linde das Leben einer Linde. Sie standen einfach nur da und ertrugen das Spiel der Jahreszeiten. Und dazu gehören nun einmal Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter.

 

Weiß eine Buche nicht, dass es nach dem November noch „schlimmer“ kommt? Noch dunkler und noch kälter? Woher weiß eine Linde, dass es nach dem tiefsten Stand der Sonne und dem dunkelsten Tag im Jahr wieder aufwärts geht? Dass auf den Winter der Frühling folgt? Ja, ein paar Äste werden wahrscheinlich erfrieren. Für die eine und andere Weggefährtin ist der Winter vielleicht zu hart und wird der Frühling zu spät kommen. Doch die Buchen und Linden stehen da und leben ihr Leben. Sie leben aus sich selbst heraus, verbunden mit ihren Weggefährten*innen, im Lauf der Jahreszeiten.

 

Aus mir selbst heraus leben. Aus mir selbst heraus schöpfen und gestalten. In Hingabe an das Leben. Verbunden mit all dem, was mich umgibt. Das war für mich damals die Inspiration, das Wunder der Verwandlung.

 

Das Kleid,

in dem ich mich gezeigt, ist abgelegt.

Ich bin zu sehen allein in dem, was trägt.

Wie Balsam legt sich der Blick auf das,

was wirklich ist.

Lässt sehen das Entkleidete im Hier und Jetzt.

Lässt mich echt und wahrhaftig sein in dem, was ist

und daraus wachsen wird.

 

Über der großen Stadt reißt gerade der Himmel auf und die Sonne kommt heraus. Der weiße Schnee leuchtet auf den noch weitgehend kahlen Ästen der Bäume und auf den Dächern. Doch an manchen Stellen beginnt die Sonne den Schnee bereits wieder zu schmelzen. Auch gefrorene Tränen können schmelzen. Dann werden sie fließen und sich zeigen und den Blick freigeben auf den noch jungen Tag. Mit all seinen Möglichkeiten und Potentialen, die er mit sich bringt und die wir sehen und mit Leben erfüllen wollen und können.

 

Aus meinem Herzen gesponnen und gewebt - in die sich wandelnde Zeit

 

Isabella Maria Weiss*

Das Gewandt*Journal 003 - vom 22. März 2020
Gewandt_Journal_003_22032020.pdf
PDF-Dokument [163.2 KB]

AKTUELLES

AUF DEM LAUFSTEG

 

Der Blog

Das Gewandt*Journal

Tage*Buch einer sich wandelnden Zeit

Aktuell:

005 - Stoff*Wechsel

 

Workshop

Lebens*STOFFE - Lebens*KLEIDER

Neue Termine in Vorbereitung

KONTAKT

Isabella Maria Weiss

Poschingerstr. 10

81679 München

 

Telefon

089 / 81 30 18 25

0176 / 45 50 62 30

 

Email

mail@isabellamariaweiss.de

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Isabella Maria Weiss


Anrufen

E-Mail