Das Gewandt*Journal - 002

In die Zeit geschrieben                                                                am 20. März 2020

 

Fadenschein

 

Auf meinem Weg heute Morgen wurde ich fünfmal gegrüßt und es wurde mir dazu jeweils ein Lächeln geschenkt. Jedes Mal habe ich zurückgegrüßt und ein Lächeln zurückgeschenkt. So etwas ist in meinem Leben durchaus keine Seltenheit. Doch fünfmal auf einer Strecke von einem Kilometer durchaus. Und das wirkt!

 

Wir sollen Abstand halten, soziale Kontakte und Nähe vermeiden und entdecken wohl gerade in diesem Abstand die Nähe wieder. Weil wir einer Begegnung anscheinend Raum geben können? Weil wir sie auf uns zukommen sehen und uns darauf einstellen können? Vielleicht auch weil wir spüren, dass eine Begegnung etwas mit uns machen und uns geben kann? Freude? Wirkung? Etwas, was uns in unserem bisherigen Leben abhandengekommen ist, weil Hetze, Gedränge, Fokussieren auf Funktionieren, auf Zeit ist Geld oder auf das Display unseres Smartphones der Freude und Begegnung im Augenblick keinen Raum und keine Aufmerksamkeit mehr geben können.

 

Doch unsere Lebensgewebe sind dünn und damit durchlässiger geworden - in dieser herausfordernden und uns so bewegenden Zeit.

 

Unsere Lebensgewebe sind wie textile Gewebe. Textile Gewebe bestehen aus zwei oder mehreren Fadensystemen, die sich rechtwinklig verkreuzen. Das senkrechte Fadensystem, die Kette, besteht aus strapazierfähigen und belastbaren Zwirnen. Sie werden als erstes in den Webrahmen gespannt. Das waagerechte Fadensystem, der Schuss, wird von unten nach oben - Schuss für Schuss – in die Kette eingetragen. Er ist mehr oder weniger stark gezwirnt und dadurch mehr oder weniger stark belastbar. Häufig besteht der Schuss auch aus Effektgarnen: volumig, kontrastreich, mit Noppen oder Flammeneffekten. Mit Effekten, die die Kettfäden verdecken, veredeln und schmücken sollen. Es sind die Effekte, die das Gewebe zu dem Stoff machen, den wir kreieren, den wir tragen und in dem wir uns zeigen wollen.

 

Für mich besteht die Kette in unseren Lebensgeweben aus unseren Werten, unserer Grundlebendigkeit und den Fähigkeiten und Potentialen, die wir von Geburt an in uns tragen. Die wir in dieses Leben mitbringen. Die Kette besteht aus dem, wer wir wirklich sind. Sie ist stabil und belastbar, unkaputtbar und nicht zu verändern. Die Kette trägt.

 

Der Schuss in unseren Lebensgeweben besteht sehr gerne aus den Werten, Ansichten und Kenntnissen, dem Wissen und Erleben, die wir erlernt und uns angeeignet oder abgeschaut und übernommen haben. Oder die uns sehr ans Herz gelegt – aufgezwungen? – wurden, weil sie unser Leben erst richtig sinnvoll und lebenswert und uns selbst folgsam, anständig, attraktiv und liebenswert machen.

 

Dieser Schuss kann uns täuschen, kann unser Lebensgewebe in der Kette verdecken und verfälschen, sogar gezielt tarnen oder schwächen. Denn dieser Flor, der Flausch, Glitzer, Glamour und Chichi sind wenig belastbar und vom Material vielleicht kaum oder überhaupt nicht verträglich mit dem Grundmaterial der Kette.

 

So können Lebensgewebe unpassend werden - zu groß oder zu klein. Sie können aus der Mode geraten und nicht mehr zeitgemäß sein. Sie können wanken, wenn sie aus der Balance sind. Und sie können zerreißen oder brechen, wenn sie Ungleichgewicht und Druck nicht mehr standhalten können. Dieser Schuss kann sich auf uns selbst richten und nach hinten losgehen.

 

Doch dieser Schuss kann auch zum Zündungsimpuls werden. Mit diesem Schuss können wir ein deutliches und zukunftweisendes Zeichen setzen. Denn der Schuss unserer Lebensgewebe ist veränderbar. Austauschbar. Mit dem Schuss haben wir eine Entscheidungs- und Handlungsfläche, um unsere Lebensgewebe neu zu denken und zu gestalten. Wir haben ein Werkzeug und geeignete Materialien an der Hand, um wirklich etwas zu verändern und zu verwandeln.

 

Denn im Mittelpunkt steht der Mensch. Jede*r einzelne von uns in ihrem*seinem ureigenen Lebensgewebe - in Kette und Schuss.

 

Unsere Lebensgewebe – die Lebens- und Unternehmensstrukturen, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Systeme - sind dünn geworden. Dünn bis auf die Grundstruktur. Fadenscheinig. Der Flor, der Flausch, Glitzer, Glamour und Chichi sind ab. Abgewetzt von einer Bedrohung, die uns in unserem Grundgewebe trifft und wirkt.

 

Fadenscheinig -der Faden wird sichtbar und kommt zum (Vor-)Schein.

 

Ein fadenscheiniges Leben - ein Leben im Schein des (Lebens-)Fadens

 

Und schon ist unser Leben ein ganz anderes. Fadenscheinig zeigt uns das Leben in einem neuen Licht. In unserem wahren Licht. Unser Ureigenes wird sichtbar. Denn der Putz ist ab. Vielleicht fühlen wir uns – noch - unwohl und nackt. Vielleicht fühlen wir uns – noch – unsicher, weil unpassend oder zu wenig bekleidet. Doch wir sind damit nicht allein.

 

Uns alle verbindet gerade die großartige Möglichkeit, den Webrahmen unseres Lebens mit einem neuen Schuss zu befüllen und unser Leben damit neu zu gestalten. Es geht um unser ureigenes zeitgemäßes Kleid. Dafür brauchen wir keines der bestehenden Lebensgewebe. Dafür haben wir mit uns selbst auf Tuchfühlung zu gehen. Die Reiß- und Brennprobe, mit der man bei den textilen Geweben das wirkliche Material bestimmen kann, werden dabei von unseren Herausforderungen in der aktuellen Zeit übernommen. Sie machen sichtbar und spürbar, was echt und ehrlich ist.

 

Gründen wir doch neue Interessengemeinschaften. Jenseits der bisherigen und gerade wankenden Lebens- und Unternehmensstrukturen, jenseits der gerade sehr geforderten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systeme.

 

Fadenscheinig - gründen wir doch eine IG Fadenschein!

 

Aus meinem Herzen gesponnen und gewebt für die sich wandelnde Zeit

 

Isabella Maria Weiss*

Das Gewandt*Journal 002 - vom 20. März 2020
Gewandt_Journal_002_20032020.pdf
PDF-Dokument [166.2 KB]

AKTUELLES

AUF DEM LAUFSTEG

 

Der Blog

Das Gewandt*Journal

Tage*Buch einer sich wandelnden Zeit

Aktuell:

005 - Stoff*Wechsel

 

Workshop

Lebens*STOFFE - Lebens*KLEIDER

Neue Termine in Vorbereitung

KONTAKT

Isabella Maria Weiss

Poschingerstr. 10

81679 München

 

Telefon

089 / 81 30 18 25

0176 / 45 50 62 30

 

Email

mail@isabellamariaweiss.de

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Isabella Maria Weiss


Anrufen

E-Mail